Wie nachhaltig ist Atomkraft?

Wie nachhaltig ist Atomkraft?

Die Einstufung der EU von Atomkraft als nachhaltig hat vielerorts Verwirrung ausgelöst. Hat sich an den Fakten über Atomkraft etwas geändert? Warum ist Atomkraft jetzt nachhaltig? Deshalb hier 4 harte Argumente warum Atomkraft nicht nachhaltig ist und auch nicht nachhaltig werden muss.

Verwirrung über EU-Einstufung von Erdgas und Atomkraft als nachhaltig

Im Juli 2022 setzte das EU-Parlament eine Regelung in Kraft, die Erdgas und Atomkraft als nachhaltig klassifiziert. Diese geänderte Einstufung in der EU-Taxonomie ermöglicht es wirtschaftliche Aktivitäten im Zusammenhang mit umweltschädlichem Erdgas und risikoreicher Atomenergie unter dem Label der Nachhaltigkeit zu verkaufen. Darunter fallen beispielsweise Investitionen in Erdgas- und Atomkraftunternehmen die plötzlich als nachhaltige Kapitalinvestition geführt werden. Eigentlich sollte dadurch die ökologische Transformation der Wirtschaft in der EU befördert werden, doch dieser Schuss ging nach hinten los.

Frankreich und Russland profitieren von der EU-Taxonomie

Diese Einstufung der EU ignoriert allerdings die wissenschaftliche Datenlage und untergräbt die Glaubwürdigkeit in die EU-Institutionen. Sie ist ein Ergebnis von politischen Machtdemonstrationen und basiert in keiner Weise auf vermeintlich neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Frankreich kommt jetzt leichter an Kapital, um seine alten Atomkraftwerke zu reparieren. Auch Russland dürfte sich freuen, denn es exportiert Erdgas, Uran-Brennstoff für Atomkraftwerke und technische Ausrüstung zum Betrieb von Atomanlagen und Erdgaskraftwerken. Doch warum ist Atomkraft nicht nachhaltig?

4 Gründe warum Atomkraft nicht nachhaltig ist

1. Atomkraft ist die teuerste Form der Energieerzeugung

Die Stromgestehungskosten ermöglichen den Vergleich von Herstellungskosten von Strom aus unterschiedlichen Arten der Energieerzeugung. Sie werden aus Investitionsausgaben, Kosten, produzierter Strommenge und wirtschaftlicher Nutzungsdauer berechnet. Die Umweltfolgekosten sind jedoch nicht in den Stromgestehungskosten mit aufgeführt. Diese sind bei der Atomkraft durch die Notwendigkeit die radioaktiv strahlenden Atommüllbehälter auf viele tausend Jahre sicher lagern zu müssen nur schwer zu kalkulieren. Aber auch ohne eine Lösung für die Endlagerung von Atommüll und den möglichen Kosten eines Atomunfalls ist Atomstrom eine der teuerste Formen der Energieerzeugung.

Energieart Kosten bei der Stromerzeugung
Steinkohle 15,54 ct/kWh
Atomkraft 14,12 ct/kWh
Braunkohle 13,13 ct/kWh
Photovoltaik (Solarstrom) 7,07 ct/kWh
Windkraft (onshore) 6,12 ct/kWh
Windkraft (offshore) 6,68 ct/kWh

Vergleich der mittleren Stromgestehungskosten nach Energieart (Quelle: Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft Stand 2021)

Neben der Verstromung von Steinkohle in Kohlekraftwerken ist die Atomkraft einer der teuersten Arten der Stromerzeugung. Dazu kommt noch, dass ein Atomunfall nicht versicherbar ist. Die deutschen Atomkraftwerke haben zwar eine Haftpflichtversicherung von einigen Hundert Millionen Euro, doch die Schäden bei eine Super-GAU sind dadurch keinesfalls abgedeckt.

2. Atomkraft ist nicht CO2-neutral

Oft wird behauptet, dass Atomstrom ja CO2-neutral sei. Schließlich wird nichts verbrannt und als Emissionen gibt es nur Wasserdampf aus den Kühltürmen. Dies mag für den Betrieb eines Atomkraftwerkes stimmen, aber die Prozesse vor und nach der eigentlichen Energieerzeugung müssen auch berücksichtigt werden. Uranerz muss abgebaut, verarbeitet, zu Brennelemente angereichert und anschließend transportiert werden. Verbrauchte Brennelemente müssen wieder aufbereitet oder für lange Zeit entsorgt werden. Die CO2-Emissionen für die Endlagerung über viele Jahrtausende (z.B. benötigter Beton, Stahl, Überwachungstechnik) können nur schwer abgeschätzt werden.

Energieart CO2-Äquivalente in Gramm pro kWh
AKW mit Uran-Importmix (div. Länder) 32
AKW mit Uran-Import aus Russland 65
Solarstrom (importiert aus Spanien) 27
Solarstrom (multikristalline Zelle in Deutschland) 101
Windkraft onshore 23
Windkraft offshore 24
Braunkohlekraftwerk 1153
Braunkohleheizkraftwerk 729
Erdgas-GuD-Kraftwerk 428
Erdgas-GuD-Heizkraftwerk 148

Vergleich Treibhausgas-Emissionen inklusive Anlagenherstellung und Produktion von Brennstoff (Quelle: Öko-Institut e.V. Stand 2007)

Die Tabelle gibt einen Überblick über die CO2-Bilanz von unterschiedlichen Arten der Stromerzeugung. Braunkohlekraftwerke schneiden mit Abstand am schlechtesten ab. Deswegen ist ein schneller Ausstieg aus der Braunkohleverstromung so wichtig! Solarstrom und Windkraft erzeugen deutlich weniger CO2 als Atomkraft.

3. Atomkraft bremst die Energiewende aus

Atomkraftwerke gehören zusammen mit Kohlekraftwerken zu den Grundlastkraftwerken. Sie können nicht einfach wie ein Notstrom-Dieselaggregat an- und abgeschaltet werden. Dementsprechend müssen sie kontinuierlich laufen und erzeugen eine eine gleichmäßige Menge an Strom. Auf der anderen Seiten stehen die Wind- und Solarenergie. Sie produzieren jedoch je nach Wetterlage unterschiedlich viel Strom: viel Wind und Sonne = viel Strom / nachts bei Windflaute dann wenig Strom.

Ohne Stromspeicher kann überschüssiger Strom nicht gespeichert werden

Laufen die Grundlastkraftwerke in Form von Atom- und Kohlekraftwerke gibt es nur eine fest definierte Menge an Strom die das Stromnetz noch verkraften kann. Gibt es plötzlich viel Wind- und Solarstrom im Netz können die trägen Atomkraftwerke nicht so schnell gedrosselt werden. Stattdessen werde Windkraftanlagen aus dem Wind gedreht oder Solaranlagen vom Netz getrennt.

Nachhaltiges Stromnetz braucht Stromspeicher und großflächig vernetzte Wind- und Solarparks

Grundlastkraftwerke stören also die Energiewende. Ein nachhaltiges Stromnetz braucht daher gute Übertragungsleitungen über viele Ländergrenzen hinweg. An irgendeiner Stelle weht immer Wind oder scheint die Sonne. Spitzenlastkraftwerke wie Biogas-Kraftwerke oder Stromspeicher (z.B. Pumpspeicherkraftwerke) gleichen dann in Zeiten von zu wenig Strom diese Lücken aus. Träge Atom- und Kohlekraftwerke zur Stromerzeugung stören dabei nur.

4. Atomkraft bleibt für tausende Jahre eine unkalkulierbare Gefahrenquelle

Dieses Argument ist so alt wie die Atomkraft selbst. Doch es ist immer noch so aktuell wie damals. Atommüll bleibt für sehr lange Zeit gefährlich. Ein Endlager für hoch radioaktiven Atommüll muss eine sichere Lagerung für eine Million Jahre sicherstellen. Vor einer Million Jahren hat der Homo erectus in Südafrika wahrscheinlich die Nutzung des Feuers entdeckt. Den anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) gab es damals noch nicht einmal.

Warum ist die Einstufung von Atomkraft als nachhaltige Energiequelle so gefährlich?

Die Einstufung von Atomkraft als nachhaltige Energieerzeugung löst natürlich Freudenrufe bei den Atomkonzernen aus. Besonders Frankreich freut sich, dass Investitionen in die landesweit bedeutende Atomindustrie jetzt als nachhaltig eingestuft werden. Gerade der Klimawandel zeigt gerade wie anfällig die Atomkraftwerke bei langen Dürren sind. Für die Kühlung brauchen Atomkraftwerke großen Mengen an Wasser – meist aus Flüssen. Sinken die Wasserpegel durch lange Trockenheit, können die Atomkraftwerke nicht mehr ausreichend gekühlt werden. Sie würde das ohnehin warme Wasser noch weiter erwärmen und damit Flora und Fauna im Fluss zum Absterben bringen.

Auch die Gefahr von Atomterrorismus oder eines Super-GAU durch eine Naturkatastrophe wie in Fukushima, eines Unfalls wie in Tschernobyl oder der vielen anderen Unfälle in Atomanlagen zeigen die Gefährlichkeit dieser Form der Stromerzeugung.

Atomkraft ist nicht nachhaltig und braucht es auch nicht werden

Egal was die Lobbyorganisation ist den Institutionen der EU auch anstellen, die wissenschaftlichen Fakten könne sie nicht ändern: Atomstrom wird nicht nachhaltig nur weil es in der EU-Taxonomie so reingeschrieben wurde. Es verlängert nur den wirtschaftlichen Bankrott der Atomkonzerne. Aber bis dahin will diese noch so viel verdienen wie möglich.

Energiewende zu Öko-Strom ist technologisch möglich

Wir haben bereits die notwendigen Technologien für eine Stromversorgung. Wind- und Solarstrom stellen bereits heute den größten Teil vom deutschen Energiemix dar. Statt staatlicher Förderung von Stein- und Braunkohlekraftwerken brauchen wir die Förderung von Stromspeichern und ein robustes Stromnetz für Europa und die angrenzenden Regionen. Wer gleich selbst die Energiewende ohne Atomkraftwerke unterstützen will, sollte gleich jetzt zu einem Ökostromanbieter mit echtem Öko-Strom wechseln. Hier gibt es einen Überblick über die wenigen echten Ökostromanbieter in Deutschland.

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